Wirrwarr im Kopf - Trainingssache

Genauso wenig wie ein Stuhl nur auf einem Bein steht, “steht” unsere Gesundheit nur auf einem Bein. Eine gesunde Ernährungsweise ist ein elementares Standbein für Gesundheit und Wohlgefühl – nicht aber das alleinige. Ein anderes sehr wichtiges Standbein ist Gedankenhygiene – das Frei sein von Stress und Sorgen.

Stell Dir einen jungen Welpen vor: Er rennt wild umher, von links nach rechts, im Kreis herum. Er verfolgt Bälle, Schmetterlinge. Er verbeisst sich an Dingen, die herumliegen – springt von einem Eck ins andere. Eine wunderbare Eigenschaft ­­für einen Welpen, nicht aber für unseren Verstand.  

Gedanken springen von einer Sorge zur nächsten – kreisen um Ängste. Wir beissen uns an Wut, Schuldgefühlen oder Trauer fest. Wir verfolgen gedanklich Missstände, die sich möglicherweise in der Zukunft zuspielen könnten, es meist aber doch nicht tun. Mit jedem Tag, an welchem wir uns diese Eigenschaften «antrainieren», festigen wir sie weiter. Was nun, wenn wir das über Jahre praktizieren? Wir verbittern, unser Herzblut erstarrt und unser Lachen erlischt. Eher gleicht unser Leben einem Kampf wie einem Fest der Freude.  

Genauso wie wir uns die schlechten Eigenschaften «antrainieren», können wir uns diese auch wieder «abtrainieren». Denn genauso wie wir einen Welpen trainieren können, können wir auch unsere Vorgänge im Kopf trainieren.  

Das Wespen-Nest im Kopf erkennen

Meist ist uns gar nicht bewusst, wie wild unser Denken ist und was für unglaubliche «Krimis» von morgens bis abends in unserem Kopf ablaufen.

Die folgende Übung hilft Dir dabei, selbst zu erfahren, wie wild es in Deinem Kopf zu und her geht.

Setze Dich aufrecht hin – mit gerader Wirbelsäule. Ob nun im Yogi-Sitz, kniend oder auf einem Stuhl, spielt keine Rolle. Persönlich rate ich vom Liegen ab, weil man dabei schnell «wegdriftet» und einschläft.

Schliesse Deine Augen. Lasse Dir Zeit ganz im «Hier und Jetzt» anzukommen. Beginne bei 100 und zähle ganz langsam retour. 100 – 99 – 98 – 97...! Wann immer sich ein Gedanke dazwischen schiebt, erkenne ihn und lasse ihn wieder los. Beginne wieder bei 100 und zähle erneut zurück.

Bei dieser Übung geht es nicht darum, möglichst weit zu kommen. Es geht darum zu erkennen, wenn sich ein Gedanke dazwischen schiebt. Wir ärgern uns nicht, wenn der Gedanke schon bei 99 kommt. Genauso wenig lehnen wir den Inhalt unseres Gedankens ab. Wir nehmen ihn einfach wertfrei an ­­– ohne Widerstand und Ablehnung. Haben wir den Gedanken liebevoll erkannt, lassen wir ihn los, ohne ihn weg zu drücken. Erneut beginnen wir bei 100.

100 – 99 – 98 – 97 – habe ich die Milch eigentlich in den Kühlschrank gestellt – ach ich hab in der Beratung vergessen, Frau Müller zu erklären, wie sie Mandelmilch selbst herstellen kann – ihre Haare, die waren wirklich wunderschön – oh ich sollte meinen grauen Haar-Ansatz auch nachfärben, vielleicht heute Abend – nein zu schönes Wetter, obwohl ich könnte ja mit der Haube auf den Garten jäten – was denkt der Nachbar, wenn er mich mit der Haube im Gartenbeet sieht – wir wollen ja so oder so umziehen – hat mein Freund wohl schon die neuen Wohnungs-Inserate geprüft – ohhhh ich bin doch am meditieren – was für eine verrückte Gedankenreise – wertfrei gehen lassen und zurück auf 100.

Von der Milch zu den Wohnungen – und das in nur wenigen Sekunden. Unsere Gedanken können blitzschnell und überall sein – genauso wie unsere Welpe.

Meine erste Erfahrung mit Meditation war erschreckend aber auch amüsant. Mir wurde eiskalt vorgeführt, wie verrückt meine Gedanken im Kopf umherspringen und kreisen. Ich kam kaum bis 97 ohne einen Gedanken, auch wenn dieser nur war «ob ich wohl diesmal weiter komme». In meinem Kopf spulten sich wahrhaftige Kurz-Dramen und Thriller ab.

Haben wir das erst einmal erkannt, so ist die Motivation gross, unser Denken zu beruhigen und zu mehr Stille zu finden. Denn nicht immer geht es um Belangloses wie die ungekühlte Milch oder die Frisur einer Klientin, sondern um Gedanken, die uns stark belasten: «Was wenn ich mein Umsatzziel diesen Monat nicht erreiche, meine Tochter den Abschluss nicht schafft, meine Beförderung nicht gutgeheissen wird, mich die neuen Nachbarn nicht mögen.» 

Chronischer Stress im Kopf sorgt für Stress im Körper

Ob wir übrigens einen Handtaschen-Dieb überwältigen oder Stressgedanken wälzen – unser Körper kennt keinen Unterschied. Er reagiert mit Stresshormonen – auf den Dieb genauso wie auf Gedanken über den verständnislosen Chef oder den ausbleibenden Anruf unseres Geliebten. Im kurzfristigen Fall des Diebstahls sind Stresshormone nicht gesundheitsschädigend. Sie unterstützen uns sogar, indem sie z.B. für mehr Energie, erhöhte Muskelkraft und Konzentrationsfähigkeit sorgen.

Wälzen wir jedoch Stressgedanken, so nehmen diese oft kein Ende. Genauso wenig die durch den mentalen Stress ausgelösten biochemischen Prozesse in unserem Körper, welche uns langfristig krank machen und nicht einmal von Nutzen sind.

Kopf als Freund anstatt Feind

Wenn ich davon spreche, unser Denken zu beruhigen, so geht es nicht darum, den Verstand nicht mehr zu gebrauchen. Unser Verstand ist äusserst essentiell und wertvoll, warum sonst wäre uns das Denken in die Wiege gelegt worden. Es geht vielmehr darum, dass wir unser Denken bewusst nutzen und es nicht zu unserem eigenen Gegner machen. Wir sollten es zu unserem Verbündeten befördern.

So ist es ein Unterschied, ob wir uns bewusst zu einer Sache Gedanken machen oder unsere Gedanken wie wilde Welpen unbewusst umherjagen. Beispiel: Wir haben ein Problem in unserer Liebesbeziehung. Machen wir unseren Verstand zu unserem Verbündeten, so machen wir beispielsweise am Abend einen Waldspaziergang. Dabei machen wir uns bewusst Gedanken zu unserem Problem, suchen konstruktive Lösungen und entscheiden wertvolle nächste Schritte. Machen wir unsere Gedanken zu unserem Gegner, so lassen wir sie unbewusst umherjagen und wild kreisen – den ganzen Tag hindurch, während wir duschen, Auto fahren, arbeiten oder essen: «Wieso ist mein Mann so geistesabwesend in letzter Zeit – vielleicht hat er eine Geliebte – ich sehe nicht mehr genug attraktiv aus – ein anderer Mann würde sich wohl kaum mehr in mich verlieben – ich wäre mein Leben lang alleine, würde er mich verlassen – könnte ich alleine die Wohnung überhaupt bezahlen – ich müsste mein geliebtes Daheim verlassen...»

Natürlich kann sich eine solche Situation real ereignen. Viel öfter jedoch befinden wir uns in einer absolut harmlosen Situation und blasen diese gedanklich zu einem schlechten Elefanten auf. Oft könnten wir aus der Mücke jedoch auch einen guten Elefanten machen: «Wieso ist mein Mann so abwesend in letzter Zeit – bestimmt vereinbart ihn sein Job sehr stark – wunderschön wie er sich einsetzt, mit der Absicht, dass es unserer Familie finanziell gut geht – bestimmt wünscht er sich auch, dass er bald wieder einen freieren Kopf hat und Genusszeit mit der Familie – ich bin eine tolle Frau und er freut sich bestimmt auch darauf, bald wieder mehr Zeit mit mir zu teilen...»

Wir können unser Denken trainieren, weniger unkontrolliert umherzujagen. Wir können für kleine Pausen sorgen. Wir können uns aneignen, die guten anstatt die schlechten Gedanken zu wählen. Damit meine ich natürlich nicht, einen Hausbrand zu ignorieren, wenn er da ist – sondern gedanklich kein Haus in Brand zu setzen, solange sich niemand mit dem brennenden Streichholz dem Benzinkanister nähert.

Stille – Rendezvous mit uns selbst – ein Leben in Fülle

Wenn wir unseren Verstand – unseren Geist – unser Denken also zu unserem Verbündeten machen so geht es uns besser. Und noch etwas: Wir kommen uns selbst näher.

Ist es Dir auch schon passiert, dass Du Dein Auto in einem Parkhaus abgestellt hast und heraus gelaufen bist, ohne Dich zu erinnern, wo es steht? Genauso wie Du Dein Parkfeld vor lauter Gedanken nicht mehr wahrgenommen hast, nehmen wir manchmal auch unser wahres Selbst vor lauter Gedanken nicht mehr wahr.

Oft stecken wir unbewusst in mechanischen Gedankenkreisen fest. Wir sehen ganze Bildstrecken vor unserem geistigen Auge, kaum jedoch eine weisse Leinwand. Mit bewusstem Training gelingt es uns jedoch, wieder Stille zu erlangen. Plötzlich sehen wir wieder weisse Leinwände vor uns, auf denen sich unser Selbst zeichnen darf. Wir kommen in Kontakt mit unserem wahren Kern – im hier und jetzt. Wir hören und verstehen wer wir sind, was wir wollen und was wir können. Wir spüren instinktiv was richtig ist und lassen uns von unserem Herzweg lenken – gestärkt und in uns ruhend.

Es gibt diverse Trainings-Methoden, die uns helfen, zu mehr Stille zu finden, vermehrt inne zu halten und uns positive Denkmuster anzueignen. Einige Menschen surfen dazu die perfekte Welle oder beklimmen den Mount Everest – andere meditieren im Yogi-Sitz.

Gönnen wir unserem Kopf mehr Auszeiten, gewähren wir unserem wahren Kern wieder mehr Raum und richten wir unsere Gedanken aufs Positive, so offenbaren sich uns Lösungen und zeigen sich uns Antworten. Gewiss ist manchmal Arbeit und Einsatz gefragt – jedoch ohne Krampf und Kampf. Wir sind wieder im Fluss des Lebens – Dinge fügen sich – die richtigen Dinge kommen auf uns zu – die richtigen Menschen laufen uns über den Weg – alles fliesst.

Gesundheit steht nicht auf einem Bein allein

Die Antwort liegt einmal mehr in der Ganzheitlichkeit. Der Schlüssel zu vollumfänglicher Gesundheit liegt nämlich nicht in der Korrektur eines einzelnen Einflussfaktors, sondern in der Optimierung diverser relevanter Einflüsse wie: Gesunde Ernährung, Gedanken-Hygiene, gesunder Schlaf, ausreichend Bewegung, Entspannung, Sonnenlicht, Harmonie, Zugehörigkeit und zwischenmenschliche Kontakte, die Anerkennung unseres Herzweges etc.